Biographie

El „Ratz“
(süddeutsch für Ratte: Tier aus der Gosse, die Augen gerichtet aufs Unheilvolle)

Es fing an, indem es beinahe endete. Mein Leben nämlich. Und in einer Jauchegrube. In die Hineinzuspringen mir als Zweijähriger sinnvoll schien. Oder nicht sinnvoll, aber ungeheuer spannend (was es dann auch war). Zu dieser Zeit schon Weltbürger (man hatte mich für geraume Zeit nach Peru bewegt, in den Ruhrpott und nach Troisdorf), wurde ich mit Waschmaschine, Geschirr, Schwester und anderen Nützlichkeiten nach Sarragossa gebracht, lebte dort mit Mutter und Tante und lernte lesen, weil außer Lesepeter kein anderes Spiel zur Verfügung stand.
Meine Schwester, halbjährig, lernte es nicht. Sie wartete statt dessen auf ihre Zähne.
Mein Vater, Arzt und sehr deutsch, klebte an einem Krankenhaus in Wegberg und meine Mutter, eine Peruanerin indianischer Herkunft, hütete uns auf Platz fünf unserer beginnenden Familienodysee.

Nächste Station war Ehingen, Einschulung und (weil schwächlich geraten) tüchtiges Verdroschenwerden im Schulalltag. Lerne Lügen (d.h. beginne mit der Dichtkunst) und verschenke mein Sparschwein (Abkehr vom kapitalistischen System). Dann Tabuk in Saudi-Arabien, das bedeutet: acht Schulklassen in einem Raum, Schwimmbad, Windhosen, Wüste und C-Frisch (Chemie plus Orange gleich Getränk). Verliebt bin ich auch schon. In eine weißblonde Holländerin. Aber wen interessiert das?
Flucht nach Jordanien, Flucht nach Peru, allerlei Hin und her (bei Flucht üblich), dort Bürgerkrieg und einäugige Tante, Vater apropos derweil in Zell/Mosel (man verliert ja die Übersicht!), nach Lima folgte dann La Chaux de Fonds (in der Schweiz), logisch!, dann, um Lesergähnen zu vermeiden, in rascher Reihenfolge: Waldshut am Rhein, Springe am Saupark, Kronach, wo erster Kuß und erstes Herzweh wartet (das leider viel länger dauert als Kuß!).
 Anschließend zu den Jesuiten: Knaben-Kolleg St.Blasien, 50 Mann Holkabinen-Schlafsäle und handfeste Pater, von dort wieder nach Waldshut (aha, war schon mal!), Osterholz im Teufelsmoor und Mendoza – das klingt jetzt schon wieder undeutsch und ist folgerichtig in Argentinien. Kurz darauf Buenos Aires und Heim für Straßenkinder, Zeit der schönen Senioritas und der Messerstechereien und wieder Mendoza und Bonn und Nobelinternat und Münchberg und Augsburg und Bonn und Pforzheim und Bremen und dann immer schneller: Glasgow und Heidelberg und wieder Bonn, und wiederGlasgow und Karlsruhe und Kiel jetzt habe ich tatsächlich noch ein paar Orte vergessen und sowieso keine Lust mehr.

Jedenfalls bin ich der dicken deutschen Dame Kultur in die lüsternen Arme gelaufen und einer ihrer Callboys geworden. Zwölf Bücher habe ich ihr mittlerweile widmen müssen, sechzehn CDs und sechs Hörbücher. Und na-na-natürlich gab und gibt es dazugehörige Bands: Krakatit, erst in deutscher, dann in schottisch-baskischer Besetzung, die Kinder aus Berlin, und natürlich der Dauerbrenner Strom&Wasser, das Liederkracher-Spektakel mit ständig wechselnder Besetzung.

Und bald ein Soloprogramm nur mit Bass und Stimme. Man will ja nicht hinter den Superstarmarionetten der großen Plattenfirmen zurückstehen.
 Und wer meint, ich sei selbstverständlich auch sehr gut im Badminton, hat Recht. 
Überhaupt tue ich alles.
 Und für viel Geld.

Denn ich möchte mir einmal eine Mondrakete kaufen.
 Mit der verlasse ich alle und alles und sitze dann einsam auf der Rückseite des Mondes, bilde kleine Dampfwolken aus traurigen Worten und weine, weil ich keine Erde und keine Sonne mehr sehe.