Der „moralische Triathlon“: 1te Etappe

„Wenn ich heutzutage glaubwürdig sein will, …so muss auch sofort klar sein, dass sich hier nicht wieder ein gut getarnter Eigennutz breit macht, der sich mit sozialem Engagement profilieren will oder sogar noch daran verdienen. Ich hoffe, dass ich mit den Anstrengungen und Strapazen, die mit einem solchen Lauf in den kältesten Wochen verbunden sind, glaubwürdig genug bin, um mich bei meinem Bemühen ernst zu nehmen und zu unterstützen.“

Jedes Leben bietet Gelegenheiten, einzuhalten und nachzudenken über das, was man tut und warum man es tut, über das, was man fühlt und denkt, im Alltag, im Beruf, in den vielfältigen Beziehungen zu anderen Menschen. Solche Anlässe sind oft mit persönlichen Katastrophen gekoppelt, d.h. uns geschieht etwas, das uns zwingt, unser bisheriges Leben zu stoppen – und schenkt uns damit die Ruhe zur Betrachtung. So haben wir die Chance, eine vielleicht falsch eingeschlagene Richtung zu erkennen und zu korrigieren. Bei mir war das zuletzt im Mai der Fall, als man mir zum zweiten Mal Krebs diagnostizierte. Und im Nachdenken über mich wuchs eine Unzufriedenheit darüber, daß ich als „kritischer“ Künstler zwar zunehmend Applaus und Lob bekomme, aber eigentlich nichts Konkretes bewirke – während unzählige Menschen in sozialen Berufen ohne jeden Applaus und völlig unterbezahlt täglich für eine menschlichere Welt arbeiten.
So will ich denn auch etwas tun gegen die immer härte Gangart, die in unserer geldorientierten Gesellschaft herrscht, gegen den Sozialabbau unserer Politiker, gegen die zerstörerische Raffgier der Konzerne. Da ich selbst große Armut erfahren habe, u.a. ein Jahr obdachlos war, kam mir die Idee, eine Konzertreihe zugunsten der Ärmsten zu machen, der Wohnungslosen. Und zwar dann, wenn sie es am meisten brauchen: in den kalten Wintermonaten.
So beschloß ich also, von Dortmund nach München zu laufen, die Strecke mit der größten Großstadtdichte, zu Fuß und in der Hoffnung, unterstützt zu werden von engagierten Freunden und Veranstaltern, von bekannten Kollegen, von Journalisten, von der Bevölkerung der durchwanderten Städte, die diesen Lauf als Anlaß nehmen können, um abzugeben an die, die nichts haben.
Warum zu Fuß?
Es gibt ein grundsätzliches Problem in unserer (und nicht nur unserer) Gesellschaft: es herrscht ein berechtigtes Misstrauen gegenüber den goldenen Worten und den Predigern dieser goldenen Worte. Nichts wurde so missbraucht wie die Begriffe „Freiheit“, „Ehrlichkeit“, „Friede“, „Großzügigkeit“, „Anstand“ – jeder Werbefachmann missbraucht sie, jeder Politiker! Je rücksichtsloser und verbrecherischer die Absicht, in umso schönere Worte wird sie gekleidet. Wenn ich heutzutage glaubwürdig sein will, auf Anhieb glaubwürdig, so muß auch sofort klar sein, daß sich hier nicht wieder ein gut getarnter Eigennutz breit macht, der sich mit sozialem Engagement profilieren will oder sogar noch daran verdienen. Ich hoffe, daß ich mit den Anstrengungen und Strapazen, die mit einem solchen Lauf in den kältesten Wochen verbunden sind, glaubwürdig genug bin, um mich bei meinem Bemühen ernst zu nehmen und zu unterstützen.
Ein weiteres Ziel dieses Laufes ist auch, den gesellschaftlichen Werten, die für eine zunehmende Verhärtung in der Welt sorgen, etwas entgegenzusetzen. Es ist die Rückbesinnung auf die Kraft der eigenen Füße, die Langsamkeit, die Freiwilligkeit des Gebens (daher auch kein Eintritt bei den Konzerten, sondern nur Spenden) und die Gastfreundschaft.


„Die schlafende Armut“

Das Unrecht läuft heute in feineren Kleidern
und tötet leise per Unterschrift.
Es ist umgeben von höflichen Neidern
und wandelt die goldenen Worte in Gift.

Es lächelt in Güte, wenn es zertritt.
Es spricht von der Freiheit hinter den Mauern.
Und von dem leider notwendigen Schritt.
Das Unrecht kann sehr überzeugend Bedauern.

Auf dem Buckelrücken des Geldstücks gebaut
wird das Schicksal geschaukelt zwischen den Toden.
Man macht sich mit Depressionen vertraut
und mit stählern werdenden Moden.

Der Kaufpreis der Freiheit ist wie immer das Geld.
Die es haben, werden es sicher nicht teilen.
Das gierigste Tier plündert die Welt
mit barmherzigen Gesten und blutigen Beilen.

Wer Geld hat, greift nach höheren Rechten
Und feiert sich selber voll Leidenschaft.
Aber hört ihr den Ruf aus den dreckigen Nächten?
Auch die schlafende Armut –
Auch die Armut hat Kraft!

Es werden die Krüppel, die Bettler, die Alten,
es werden die, die ihr fortwerft wie Dreck,
plötzlich erscheinen in eurer kalten
Welt aus Bilanzen, Konto und Scheck.

Sie kommen aus ihren Löchern wie Ratten,
die Blicke voll Elend und Hilflosigkeit.
Da klettert die Angst über eure Krawatten,
bis ihr nach Schutz oder Sicherheit schreit.

Ihr könnt sie wie immer zertreten, zerschlagen,
in die hintersten Ecken drängen wie Vieh.
Zwischen Gewalt und verzweifelten Klagen
wird ihre Zahl so groß wie noch nie.

Der Tag gehört euch – gestylt und adrett!
Die blitzenden Banken. Der Schritt zum Kredit.
Alles, was leuchtet und bunt ist und fett!
Der Tag gehört euch – den nehmt ihr noch mit.

Aber kaum wird es dunkel, sperrt ihr euch ein.
Und vergesst, daß draußen der Hunger schreit.
Es könnten Millionen Schreiende sein.
Eure Fenster verschlucken Geräusche aus Leid.

Ihr Reichen, ihr Schönen, ihr immer Gerechten,
ihr feiert euch selber voll Leidenschaft.
Aber hört ihr den Ruf aus den dreckigen Nächten?
Auch die schlafende Armut –
Auch die Armut hat Kraft!