Spielt keine Rolle – Urversion

Veröffentlicht am 12. Dez 2005 / Liedermacher, Schriftsteller

In einem Collegeblock von 2004 fand ich eine Urversion von „Spielt keine Rolle“, in der ich nicht aus dem gleichnamigen Märchen von Astrid Lindgren nur diesen einen Satz nehme und dann ein ganz eigenes und selbstständiges Lied daraus mache, sondern in dem ich das Märchen nacherzähle und dann mit einem eigenen Ende versehe.


Er heißt Klaus, neun Jahre und ist klein
und hat seit Wochen ein erkranktes Bein.
Das ging so schwer. Nun ist es völlig still,
auch wenn der Junge es bewegen will.

Mama meint, der Schmerz, der wird sich geben.
Doch er weiß, er wird nicht lange leben.
Das Licht tut weh, sie soll es dunkel dimmen.
Wenn Klaus alleine ist, dann hört er Stimmen.

Das sind Herr Lilienstengel und Herr Bolle.
Sie hüpfen gern und essen Mandelstolle.
Sie klopften an sein Fenster vor drei Tagen
und schritten durch die Wand, ihm das zu sagen:

„Komm mit, Kind Klaus, ins Land der Dämmerungen!
Gleich jetzt! Komm aus dem Bett gesprungen!“
Klaus musste weinen und er sagte dann,
dass er wegen des Beins nie wieder laufen kann!

„Spielt keine Rolle hier, spielt alles keine Rolle!“
Herr Lilienstengel lächelt und es lacht Herr Bolle!
„Im Land der Dämmerungen ist alles ja so toll,
weil keine Rolle spielt, was eine Rolle spielen soll!“

So ging er mit, vielmehr er konnte fliegen
und sah die Stadt ganz tief da unten liegen.
Die Straßen waren leer. Die Straßenbahn, die fuhr.
Und er verfolgte voller Sehnsucht ihre Spur.

„Na, willst Du mal?“ fragte Herr Bolle leise.
Herr Lilienstengel lächelte auf seine Weise:
„Mal S-Bahn-Fahrer sein ist toll für einen Mann!“
„Ich glaube nicht“, sagte nun Klaus, „dass ich das kann…!“

Was soll man sagen: die Herren hatten Recht.
Klaus fuhr die S-Bahn und er fuhr nicht schlecht.
So schnell wie er ist sie sonst keiner je gefahren.
Wie glücklich er und auch die andern Kinder waren!

Denn nur die Kinder haben Zugang zu dem Land,
was Klaus wegen der Mama ziemlich schade fand.
Dann aber plötzlich klang aus dem Abteil Geschrei:
die Bahn stürzt ab, die Gleise sind entzwei.

„So sagt doch endlich, was ich machen muß!
Die Bahn stürzt von der Brücke in den Fluß!
Wir werden sterben, wenn ihr jetzt nichts macht!“
Herr Lilienstengel lächelt. Und Herr Bolle lacht.

„Spielt keine Rolle hier, spielt alles keine Rolle!“
Gelassen sind die Herren Lilienstengel-Bolle!
„Im Land der Dämmerungen ist alles ja so toll,
weil keine Rolle spielt, was eine Rolle spielen soll!“

Tatsächlich staunte Klaus: die Bahn fuhr weiter,
quer durch den See. Herr Bolle nickte heiter.
Herr Lilienstengel hielt sich lachend seinen Bauch.
Und Klaus, das Kind, das lächelte nun auch.

Doch was wird sein, fragte er traurig-leise,
am Ende dieser Dämmerungen-Reise.
Ich muß ja noch zurück, mein Bein ist krank!
Da rief Herr Lilienstengel: „Gott sei Dank!“

Dann haben wir ja Zeit, die nächste Nacht zu planen.
Zum Beispiel eine Mondrakete abzusahnen!
Zum Beispiel mit dem U-Boot in die Tiefe tauchen!
Oder mit einem Häuptling eine Pfeife rauchen!“

„Spielt keine Rolle, alles endet und beginnt erneut!“
Wie sich Herr Bolle schon auf Morgen freut!
Im Land der Dämmerungen ist alles ja so toll,
weil keine Rolle spielt, was eine Rolle spielen soll!“

(frei nach Astrid Lindgren)