Man kann sie nicht zwingen

Veröffentlicht am 5. Aug 2005 / Liedermacher, Schriftsteller


Für mich das entscheidende Lied auf der CD „Spielt keine Rolle“.
Es thematisiert häusliche Gewalt gegen Kinder und sexualisierte Gewalt gegen Frauen, in diesem Fall gegen Prostituierte. Ich war damals so erschüttert von dem Tod eines kleinen Mädchens, die von ihrem Vater so oft gegen die Wand geworfen wurde, bis sie starb – und da ich selbst in Kindheit und Jugend Zeuge und manchmal auch Opfer von Gewalt war, sprudelte der Text in fünf Minuten aus mir raus.

Der Refrain „Man kann sie nicht zwingen von Liebe zu singen“ soll dabei die letzte Kraft, die letzte Freiheit und das letzte Recht von Gewaltopfern ausdrücken: nämlich sich verweigern zu dürfen, im großen Loblied der „Alles wird gut“-Gesellschaft mitsingen zu müssen, wenn man so schreckliche Erfahrungen durchlitten hat. Der Mensch hat nicht nur das Recht auf Glück, er hat auch das Recht auf Trauer und Düsterkeit.

Die Musik dazu entstand, als Pensen und ich im Backstage des AKW in Würzburg übernachteten und einen freien Tag nutzten, um meine aktuellen Texte zu vertonen.


Sie tanzen im Takt.
Verschüchtert und nackt.
Zusammengepackt:
sie tanzen im Takt.

Frau tanz an Frau.
Zur Fleischbeschau.
Die Uhr sagt dann:
jetzt kommt der Mann!

Sie sind Sirenen.
Man kann sich sehnen.
Man kann sie kaufen.
Man lässt sie laufen.

Aber eines kann man nicht,
ohne das man sie zerbricht:
Man kann sie nicht zwingen
von Liebe zu singen.

Sie wirken so blas.
Ihr Vater in Hass.
Ihre Mutter in Not.
Man schlägt sie halbtot.

Kinder Zuhaus
halten das aus.
Werden erzogen.
Verkrüppelt. Verbogen.

Sie sind wie Blüten.
Man kann sie behüten.
Man kann sie ertragen.
Man kann sie auch schlagen.

Aber eines kann man nicht,
ohne dass man sie zerbricht:
Man kann sie nicht zwingen
von Liebe zu singen.